Von:
Susanne Breit-Keßler

e-vorsehung.de

"Sieh dich vor, mein Lieber" sagt man und das bedeutet selten etwas Gutes – im besten Fall eine Mahnung, sich bitte vor Unangenehmem in Acht zu nehmen. Göttliche Vorsehung ist auch nicht gerade ein Begriff, der unbedingt wohlige Sicherheit oder frohgemute Zuversicht auslöst. Da gibt es die Überzeugung, irgendwann sei dieses ganze Leben mal in Gang gesetzt worden und laufe ohne Bremsspuren nun so ab, wie ausgedacht. Man kann im Gegensatz dazu natürlich auch glauben, dass Gott persönlich am Lenkrad sitzt und alles - weil komplett angekuppelt und angehängt - in jeder Sekunde von ihm abhängt. Beide Vorstellungen sind recht unfallträchtig.

Denke ich mir einen unbeeinflussbaren und unberechenbaren Gott, der der Chose freien Lauf lässt, kann ich nur unter die Räder geraten. Keine Chance, dem zu entgehen, was sich da seit Urzeiten dampfwalzenmäßig anbahnt. Übrigens auch keine Lust, mich dem in den Weg zu werfen. Wenn sowieso alles kommt, wie es kommen muss...

Der andere Gedanke, die ganze Welt sei eine Art Wohnwagen Gottes, den er mehr oder minder schlingernd Berge hinauf und Täler hinab zieht, stimmt nicht eben heiterer. Er ist dann schuld an meiner Übelkeit, wenn ich in Abgründe sehe. Er ist die Ursache meiner Angst vor endlosen Stürzen und der Grund aller Anstrengungen, Höhen zu erklimmen.

Natürlich kann man auch versuchen, den Schöpfer dieser Welt zum Schutzmann auf der Kreuzung zu degradieren, der den gesamten Verkehr am Laufen hält, mal die durchwinkt, mal jene, gelegentlich ein Päuschen macht und wegschaut, Raser aus dem Verkehr zieht, Erwachsene ermahnt, nicht bei Rot über die Ampel zu gehen und Übeltätern gegenüber auch mal ein Auge zudrückt. Der einen Frontalzusammenstoß in einen harmlosen Blechschaden verwandeln kann. Ach, nein. Ich glaube das alles nicht. "Gott hat nicht geboten, dass ich für meine Vorsehung sorgen soll, sondern hat mir geheißen, zu hoffen" sagt Martin Luther.

Gewiss bin ich, dass mein Leben und das anderer nicht einfach abläuft, dazu gibt es zu viele, auch wunderbare Überraschungen. Katastrophen wandeln sich in intensives Leben, Verlust führt über bittere Einsamkeit zu neuem Glück. Schmerz bekommt – durchlitten und verarbeitet – eine unverzichtbare Qualität für die eigene Biographie. Umgekehrt kann Mann und Frau nach Holocaust und grausamem Kriegsgemetzel, nach geschundenen Kindern und endlos gepeinigten Erwachsenen nicht mehr betulich von der göttlichen Vorsehung schwätzen. Es ist nicht Gott, der Juden vergast, Leiber zerfetzt, Frauen vergewaltigt, Kinder missbraucht und grinsend wieder ans Alltagsgeschäft geht. Das sind Menschen. Warum sich der Schatten des Kreuzes auf den eigenen Weg und den anderer senkt, weiß niemand. Auch nicht, wo Gott warum ist, wenn seine Geschöpfe sich als gegenbildliche Monster erweisen.

Es gibt keine Lehre der göttlichen Vorsehung nach den Gaskammern von Auschwitz, den Massengräbern zeitgenössischer Kriege, den Filmrollen mit gemein traktierten Kindern. Sollte jemand eine solche verfassen wollen, wäre es Leere. Die Idee der göttlichen Vorsehung erübrigt sich dennoch nicht. Es gibt Freiheit, sich zu entscheiden – gibt Gnade der Erkenntnis, welches die richtige Entscheidung ist. Es gibt den Mut, sich aufzulehnen. Christlicher Glaube schließt in sich das Vertrauen zu einer persönlichen Führung durch Gott. Aus der Masse von Eindrücken wird einer entscheidend. Ein oft schon gesehenes Gesicht gewinnt an Bedeutung, obwohl es ebenso hätte in der Menge wieder untergehen können.

Ein Wort, ein Satz haut einen um. Eine uralte Erfahrung gewinnt an ungeheurer, produktiver Bedeutung. Vermeintlich unwichtige, zeitweise vergessene Begegnungen, Erfahrungen und Erlebnisse prägen überraschend und nachhaltig die eigene Lebensgeschichte. Im Rückblick glaubt man den Sinn der Ereignisse für sich entdecken und in die Biographie einordnen zu können. Nur Vorsicht: Vorsehung als Prinzip ist aus alledem nicht einfach abzuleiten – schon gar nicht eine Deutung, die anderen für ihr Schicksal aufgezwungen wird. Stückwerk ist unser Erkennen, wusste schon der Apostel Paulus. Provisorisch lässt sich denken und glauben, dass und was der Herr bestimmt und lenkt. Aufklärung erfolgt erst von Angesicht zu Angesicht. Interessant ist höchstens die irdische Einsicht, dass Provisorien so ziemlich das Haltbarste sind, was es gibt.